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Vorwort: In dem es darum geht, warum es dieses Buch gibt und wieso es so heißt, wie es heißt.
„Friede den Maulwürfen“ das ist ein abgewandeltes Zitat von Georg Büchner: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Und der hat diese Parole wiederum von den französischen Revolutionären übernommen. Büchner hatte zwar mit Garten und Gärtnern nicht wirklich was am Hut, war aber tatsächlich nicht nur Revolutionär des 19. Jahrhunderts, sondern auch Naturwissenschaftler. Insofern passt er als Patron für dieses Buch – auch so eindeutig er sich an die Seite derer gestellt hat, die es nötig haben.
Und er würde es heute sicherlich wieder tun.
Nun könnte man einwenden, dass es ja wohl eher die von Maulwürfen und seinen Haufen geplagten Gärtner und Gärtnerinnen sind, die es nötig haben. Oder, wenn man sich mit den Maulwürfen doch noch irgendwie arrangiert, schließlich stehen sie unter Naturschutz, dass Zecken und Quecken, Giersch und Eichenprozessionsspinner, Wühlmäuse, Wespen und Mehltau es doch nun wirklich nicht nötig haben, jemanden an ihrer Seite zu haben.
Die Antwort darauf ist ein klares „Doch“.
Sie haben es nötig.
Erstens: Die Tiere, Pflanzen und Pilze selbst würde das ganz klar mit Ja beantworten. Wem der Mensch mit Hass und Vernichtungswillen begegnet und sie ihrer puren Existenz wegen töten will, findet Schutz sicherlich nötig, und zwar dringend.
Und zweitens: Sie haben es auch nötig, weil sie alle als Teil der Natur und der Artenvielfalt und des Lebens es insgesamt nötig haben. Dabei geht es nicht um die einzelne Art, den Maulwurf und die Mücke, sondern um das große Ganze, dass die einzelnen Arten zusammen bilden, das System, das Rad des Lebens, das zusammengesetzt ist aus vielen, vielen einzelnen kleinen Rädchen.
Geht eins kaputt oder mehrere, kann alles zusammenbrechen. Welches das ist, weiß niemand.
Vielleicht sind es gerade die Mücken? Oder die lästigen Algen auf der Terrasse? Oder auch der Marder, die Ratte, das Kaninchen, eins der Großen an der Spitze der sogenannten Nahrungskette. Die allerdings eher ein Netz ist. Hängt ein Faden los, weil der Knoten kaputt ist, kann alles zusammenfallen. Vorallem Arten, die es nach allgemeiner Ansicht nicht nötig haben oder "ohne die es doch viel besser wäre", haben es besonders nötig, weil eben dieser Gedanke dazu führt, dass wir Menschen sie uns nicht nur vom Leib halten, sondern möglichst komplett vernichten möchten. Leichtfertig und gleichzeitig mit einer Gründlichkeit und Mitteln, die noch viele andere Arten und den ganzen Lebensraum vernichten."
Ja, und dann geht es quer durch den Garten, von einer Plage zur nächsten Nervensäge, zum nächsten Bösewicht und es klärt sich dabei, warum die Natur keine Schädlinge kennt und kein Unkraut; wie sich Begrifflichkeiten verselbständigen und warum Panikmache neue Probleme schafft, statt Lösungen zu bringen; warum die gruseligsten Geschichten oft aufgebauschte Klischees sind über wundervolle Wesen und warum wir mit kühlem Kopf und klaren Fakten besser mit allen klarkommen als mit Hass, Angst und Gewalt. Dabei stellt sich jedes Lebewesen selbst vor – ein kleiner Kniff beim Schreiben, der mir viel Spaß gemacht hat und der einem die Wesen ein bisschen näherbringt, selbst dann, wenn man sie eigentlich eher eklig findet.

Hören wir mal, was die Ameisen zu sagen haben:
"Also, auf so eine Vorstellungsrunde haben wir ja so gar keine Lust, und euch erklären, warum wir toll, nett und nützlich sind. Wir sind länger da als ihr, wichtiger für die ökologischen Kreisläufe und wir sind mehr. Zehntausend Billionen geschätzt, das macht circa eine Million pro Mensch. Also, was soll das. Wir hatten schon unser komplexes Sozialstaatwesen, als ihr euch noch mit Holzkeulen auf eure Höhlenmenschenköpfe gehauen habt und unsere ausgeklügelte chemische Kommunikation und die Schwarmintelligenz mit eurem Internet und eurer Sprache zu vergleichen, lächerlich.
Unser Erfolgsrezept ist die Arbeitsteilung, für alles einen, statt einer für alles. Ich erkläre es mal so: Ein Schmetterling, eine Heuschrecke, ein Käfer muss alles alleine machen: Nistplatz suchen, Nest bauen, Partner suchen, Eier legen, Futter suchen, sich vor Feinden schützen. Bei uns gibt es die Königin, die sich einmal im Leben mit ausreichend Sperma befruchten lässt und dann die ganzen Tage nichts anders macht als Eier zu legen; aus denen schlüpfen dann Arbeite-Ameisen, die sich um den Nestbau und das Futter kümmern; andere füttern die Brut und ziehen sie groß, es gibt Putzkolonnen und Soldaten.
Wir leben überall auf diese Weise und doch hat jede Art und jeder Staat seine eigenen Regeln und Gesetze. In euren Gärten zum Beispiel, da gibt es meist verschiedenen Wiesenameisen oder Wegameisen – so habt ihr sie genannt, weil ihr sie entweder in der Wiese krabbeln seht oder sie euch über den Weg laufen.
Und wir laufen viel – nicht alle, manche buddeln auch nur kleinen Nester unter die Erde und bleiben dort in ihren Häufchen und züchten ihre Wurzelläuse und ernähren sich bescheiden von deren Honigtau.
Aber die meisten sind doch mehr unterwegs. Wenn man keine Wurzelläuse hat, sondern Blattläuse als Ameisenstaat, dann ist ein bisschen mehr zu tun. Blattlausherden hat, muss man sich ein bisschen mehr kümmern. Man muss aufpassen, dass sie möglichst in der Nähe des Nestes fressen, damit die Wege nicht so weit sind und dass sie nicht versuchen zu weit weg zu neuen Pflanzen zu fliegen – dafür lassen sie sich dann extra Flügel wachsen, aber wir beißen immer ein Stückchen ab und dann geht das rein physikalisch nicht mehr. Aber wir passen ja auch gut auf sie auf, verjagen Marienkäfer und deren Larven, Florfliegenlarven und andere Tiere, die sie fressen wollen, knabbern ihnen Pilze vom Rücken und wenn es regnet, tragen wir sie ins trockene. Ameisen sind stark und können ein vielfaches ihres Eigengewichts tragen und ziehen, aber so ein Läuschen wiegt ja nicht viel. Ansonsten sind wir rund um die Uhr unterwegs, um Insekten zu jagen und Samen sammeln, also nicht wirklich die Samen, sondern das, was sich viele Blumen da dran wachsen lassen an ihren Samen, ein sogenanntes Elaiosom, ein kleines Anhängsel: ein süßes, ölreiches, vitaminreiches Gebilde, wir sind ganz verrückt danach, so wie ihr nach Schokolode. Samen um Samen schleppen wir in den Bau, um damit den Nachwuchs zu füttern, und oft kann man nicht wiederstehen und futtert unterwegs die Köstlichkeit schon auf. Der Rest bleibt liegen und daraus wächst dann überall einen neue Pflanze, so verbreiten wir nebenbei noch Blumen, malerischer und fleißiger als ihr es könntet, Primeln, Schneeglöckchen, Schöllkraut oder Lerchensporn. Außerdem fressen wir jede Menge Insekten und sind selber auch eine wichtige Nahrungsquelle für andere.
So, jetzt sagt mir mal, warum ihr so eine panische Angst habt?
Wegen der Sandhäufchen?
Weil ihr Angst habt, dass wir ins Haus kommen?
Also, manche Arten bauen ihr Nest tatsächlich am liebsten in euren Behausungen, da würde ich denen auch unmissverständlich klar machen, dass sie das nicht sollen. Sie wissen schon wie ich das meine. Wir Ameisen sind auf das Thema Frieden nicht so wild wie die Autorin des Buches und keine würde es einfach hinnehmen, wenn ein anderer Staat einfach bei ihr einzieht. Ameisen im Haus sind für euch sehr unangenehm. Sie loszuwerden würde ich aber einem Fachmann überlassen, der weiß, welche Art es ist, wie ihr beizukommen, an die Königin heranzukommen und vor allem wie zu verhindern ist, dass sie wieder kommt.
Wir Gartenameisen haben aber keinerlei Interesse daran, wirklich bei euch einzuziehen. Unsere Königinnen meinen ich. Auch wenn beim Hochzeitsflug mal eine ins Haus rauscht, dann ist das ein Versehen. Und wenn Arbeiterinnern vorbeischauen, erst recht.
Einfach wieder raus damit.
Ganz ehrlich, gibt es also keinen Grund, uns loswerden zu wollen oder? Abgesehen, dass es nicht funktioniert und selbst wenn ihr euer ganzes Grundstück mit Gift und Feuer in einen Wüstenplaneten verwandeln würdet, was manche ja tun – und auch dann lautet meine Prophezeiung, kommt irgendwann eine Ameise und besiedelt den Wüstenplaneten von Neuem."
Viele andere Krabbeltiere kommen ebenfalls zu Wort: Kastanienminiermotte, Mücken, Kohlweißling – aber auch Ackerschachtelhalm, Giersch und anderes von vielen ungeliebtes Grünzeug.
Zum Beispiel die Distel:
"Ich weiß, ihr Menschen haltet die Rose für die Königin der Blume und ich muss sagen schön ist es schon, was ihr da so züchtet, aber die meisten Sorten sind doch zimperlich und außer ein paar Pollen und manchmal Hagebutten haben sie für den Rest der Gemeinschaft im Garten nicht viel zu bieten. Wir Disteln hätten den Titel viel mehr verdient, das sagen mir viele. So lang und groß und schön und erhaben und zäh und überhaupt wie wir sind sonst keine Pflanzen. Hungerkünstler, die auch trockene Dürreperioden ohne murren und jammern überstehen, während die Rosen rund um die Uhr gepflegt und gegossen werden wollen. Und dann verteilen sie mit ihren Stacheln auch noch blutige Schrammen, wir pieksen dagegen meist nur. Wegen unserer tiefen Wurzeln kommen wir auch gut klar in Fugen und auf trockenen Stellen wie Sand oder Parkplätzen. Distel ist übrigens nur ein Oberbegriff, es gibt von uns ganz viele. Die lilablütigen Kratzdisteln, die Pollen und Samen en masse produuert, Färberdisteln, edele Kugeldisteln und silbrige Elfenbeindistelbrig, riesiege Eselsdisteln die in ihrem zweiten Jahr zu einem m imposanten Stachelwesen heranwachsen, auch auf kargen Standorten. Ihre gefurcht-geflügelten Stängel wirken wie Regenrinnen und leiten das Wasser, was kommt direkt auf ihre Füße. Kohldisteln mit fast weichen Blättern, die jung sehr lecker wie Spinat schmecken. Auch Artischocken sind übrigens Disteln.
Warum man uns früher Teufelspflanzen nannte, vielleicht weil wir so stark und autark sind. Und so besonderes. Selbst wenn es nur Disteln gäbe, wäre der Garten bunt und die Tierwelt einigermaßen glücklich. Wir sind hübsch, vielseitig und eine reiche Nahrungsquelle für Hummeln und Bienen aller Art, die fluffigen Flugsamen werden vor allem von Vögeln gefressen. Ihre dicken Stängel sind im Winter Unterschlupf und Kinderstube für Käfer und andere Insekten."
Grundsätzlich geht es um eines: Tier- und Pflanzenarten, die wir als schädlich empfinden, sind nicht von Natur aus böse. Alle haben ihre Rolle im Ökosystem. Diese Erkenntnis macht die Plagegeister nicht automatisch sympathischer, hilft aber, besser mit ihnen umzugehen. Statt »Schädlinge« und »Unkräuter« rabiat mit allen Mitteln zu bekämpfen, können wir die vermeintlichen Bösewichte verstehen und passende Umgangsweisen entwickeln. Wer Zusammenhänge kennt, kann gelassener reagieren.
Zu guter Letzt lassen wir noch den Maulwurf sprechen, den Namensgeber für das Buch. Im Erscheinungsjahr war er – wenn ich mich richtig erinnere – sogar das Tier des Jahres.

"Also, ich muss sagen, da war ich ein bisschen konsterniert, da machen Sie hier so ein Buch über Plagegeister und die gibt es weiß Gott, gerade eben habe ich mich wieder mit so einer Wühlmaus gezofft und ihr gezeigt, wo es langgeht, und dann gibt es ja auch noch die, die immer meine Hügel platt treten und stinkendes Zeug, Knoblauchsud und Buttersäure in die Gänge schütten und Lärm machen mit einem Radio in der Blechdose, eine Quälerei. Ich höre und rieche extremst gut. Das brauche ich zum Jagen, im Dunkeln ist mit Sehen nicht viel, aber ein Insekt oder einen Wurm höre ich auf 200 Meter Entfernung, so lang sind nämlich meine Tunnel, und dann bin ich in Sekundenschnelle da und Happs. Beim Gänge schaufeln bin ich nicht ganz so schnell, aber sieben Meter pro Stunde schaffe ich auch, mein Vorderbeine sind wie Grabschaufeln und damit fräse ich durch die Erde wie eine Tunnelbaumaschine. Weil die Luft hier unten dünn ist, habe ich viel Hämoglobin im Blut, so dass ich ziemlich fit und flink bin.
Jedenfalls, was ich sagen wollte:
DAS sind Schädlinge, aber hallo. Und dann bin ICH auf dem Titelbild. Entschuldigen Sie mal bitte. Ich bin nicht wirklich blind, auch wenn ich nicht so gut sehen kann. Muss ich auch nicht hier unten und bei meinem Wahnsinnsgehör. Was ich aber weiß, dass ich eins der schönsten Tiere bin. Haben Sie schon mal mein Fell gestreichelt, das war sogar mal als Pelzmantel total in und zumindest auf Zylinderhüten üblich und an Smokingkragen. Nicht, dass ich es toll finde, wenn man unsereins jagt und als Kleidung verwertet, aber nur so, damit Sie sehen wie besonders mein seidenweiches, rabenschwarzes Fell ist. Und ohne Strich gewachsen, damit ich mich gleich gut vorwärts und rückwärts in meinen Gängen bewegen kann.
Meine unterirdischen Röhren sind alles feinste Handarbeit und wirken, wie ein Drainagesystem und lüften und lockern den Boden. Im Sommer grabe ich 40 Zentimeter tief, im Winter bis zu einen Meter, da ist es kälter und ich muss tiefer runter um an die Insekten zu kommen. Ja, die Erde muss dann irgendwann wieder raus. Dass euch die Haufen so stören, ernsthaft? Wer den Anblick nicht mag, erntet die Maulwurfserde einfach, ich brauche sie nicht wirklich. Nur die Löcher, die brauche ich zum Belüften der Gänge. Zuschütten bewirkt nichts, dann muss ich ein neues Loch graben. Frieden ist mir wurscht. Aber wir könnten eine Abmachung treffen. Ihr lasst mich in Ruhe und ich fresse ´ne Menge Zeug weg, das ihr nicht mögt: Engerlinge, Fadenwürmer, Schnecken. Okay, auch Regenwürmer, die mögt ihr seltsamerweise, die hatten wohl mal ne Imagekampage. Egal, ich find sie auch lecker. Deal?" |