|
Worum geht’s genau in "Selbst ist die Pflanze"? Lest es selbst: im Vorwort.
„Bei mir gärtnern die Blumen selbst: Sich fortbewegen wie die Tiere, laufen, fliegen, kriechen oder gar wie wir das Auto oder das Flugzeug nehmen – all das können Pflanzen eigentlich nicht, sind sie doch fest im Boden eingewurzelt. Aber trotzdem sind sie auf einmal da, sie wachsen ganz von alleine überall, oft jedes Jahr woanders und manchmal an den ungewöhnlichsten Orten: mitten im Sandkasten, im Kellerschacht, auf dem Scheunendach.
Als Kind fand ich das faszinierend.
Heute weiß ich natürlich, wie sie das machen, und durch mein Geoökologie-Studium und durch meine Arbeit als Garten- und Natur-Journalistin sogar ziemlich genau. Dass nicht die einzelnen, festverwurzelten Pflanzen fliegen, kriechen, laufen und schwimmen, aber ihre Nachkommen sehr wohl: Lindenpropeller oder die kleinen Löwenzahnfallschirmchen kennt wohl jeder von uns. Oder die Mohnkapseln, aus denen der Wind die kleinen, schwarzen Samen herausschüttelt und sie so gleichmäßig und weiträumig in der Umgebung verteilt. Manche Pflanzen schicken lange Stängel los, unter der Erde oder über ihr, um neue Wurzeln und Blätter auszutreiben, wenn sie auf fruchtbaren Boden treffen. Viele lassen sich von Tieren helfen: Die fressen die Früchte und lassen die Kerne liegen, transportieren Samen unbeabsichtigt an Federn, Fell und Pfoten. Auch wir Menschen zählen dazu, nebenbei wie Vögel, Igel, Eichhörnchen und Co., aber wir transportieren Pflanzen auch absichtlich, als Kulturleistung, sozusagen.
Faszinierend finde ich es nach wie vor. Und seit ich einen eigenen Garten habe, finde ich es unwahrscheinlich praktisch.
Was mich als Kind nämlich auch faszinierte: Wie viel Arbeit sich viele Menschen mit ihrem Garten machten, meine Eltern, meine Großeltern, die Nachbarn. Nicht nur im Gemüsegarten, sondern auch bei den Blumen. Was von allein wuchs, grünte und blühte wurde geschnitten und herausgehackt, der Boden geharkt. Kisten voller Topfpflanzen wurden gekauft, eingesetzt, gegossen, gegossen und gegossen, auf Läuse und Mehltau beobachtet und behandelt. Was dazwischen von alleine wuchs, wurde gejätet, Ausläufer wurden gestutzt, Stängel gestützt, vertrocknete, verblühten Stauden ausgegraben, neue gesetzt. Dahlien überwintern, Tulpen übersommern, Blüten ausputzen, düngen, stützen, stutzen, hacken und harken und gießen, gießen, gießen. Blasen, Schwielen, Rückenschmerzen. Immer nur Arbeit. Statt den Anblick zu genießen, die Farben, die Formen, den Duft, den Wandel im Jahreslauf. Und dann im Winter wochenlang nichts, nichts, nichts im Garten; nur ordentlich aufgeräumte nackte Erde und kahle Beete, es sei denn es schneite.
Einen eigenen Garten? Lieber nicht.
Dann hatte ich auf einmal einen. Mit Apfelbaum und Efeuhecke, vom Hausbau zerwühlter Rasenfläche, die Mitte schnell besetzt von großem Sandkasten, Fußballtor und Feuerstelle. Ich habe Bücher gewälzt, schöne Ideen gesammelt und schlecht geträumt, von den Kosten für ein komplett nach Profiplan bepflanztes Staudenbeet und ob ich dann für jede Pflanze den richtigen Standort finden würde? Da ist ja mehr als sonnig oder schattig, frisch oder trocken zu beachten, sondern ein hochkomplexes System aus Kleinklima, Bodenart, Niederschlag, Bodenfeuchte, Konkurrenz um Nährstoffe sowie Sonneneinstrahlung.
Klar, irgendwas wächst immer, die Natur macht es auch von alleine, null nackte Erde, das ist ihr Motto und sie sprengt auch zur Not Beton, nach den ersten zähen Kräutern kommen Sträucher, bis am Ende vielleicht ein Wald gewachsen ist, das ist das Grundprinzip, was sich hinter dem Fachwort Sukzession verbirgt. So wie es ja auch nach der Eiszeit passiert ist.
Aber das dauert. Die Natur hat auch viel Zeit, viel mehr Zeit als wir ungeduldige Gärtner. Und wenn schon, dann will ich meinen Garten ja auch schön haben, voller Blüten rund ums Jahr, mit Schmetterlingen und Vögeln.
Und ich fand einen Kompromiss, über den ich mich bis heute Tag für Tag freue: das Gärtnern mit selbstständigen Pflanzen. Damit meine ich Arten und Sorten, die gut für sich selber sorgen können, Sommertrockenheit, Wintermatsch und Kälte überstehen, und jedes Jahr wieder kommen. Pflanzen, die sich reich und von alleine versamen oder über Ausläufer durch meinen Garten wandern und so selbst herausfinden, wo ihnen der Standort zusagt. Die auch unter sich ausmachen, wer in der Sonne wächst und wer im Schatten, und die auf Zack sind, wenn es eine Lücke zu füllen gilt – weil doch mal eine Kollegin vertrocknet oder erfroren ist oder sich einfach früh im Jahr schon wieder zur Ruhe zurückzieht. Aber wenn sie sich selbst ausbreiten können, ist immer für Nachschub gesorgt.
Damit habe ich natürlich nichts Neues erfunden. Jeder von uns macht das mehr oder weniger, verlässt sich darauf, dass sich seine Akelei selbst durch Versamung erhält und nicht nachgekauft und nachgepflanzt werden muss. Setzt bei Narzissen und Schneeglöckchen auf Sorten, die »verwildern« . Oder pflanzt Bodendecker, die freudig Teppiche bilden und so schnell die Erde bedecken. Einzelne Arten mehr oder weniger zufällig zu begrüßen und machen zu lassen, ist das eine. Zu wissen, wie Sie die richtigen Sorten gezielt an den Start und auf Trab bringen, sie fördern und fordern und lenken können, das ist noch mal was anderes. Genau darum geht es in diesem Buch. So natürlich wie möglich, so gestaltend wie nötig, sodass sich Mensch und Blumen wohlfühlen.
Und es ist völlig entspannt. Denn wenn sie erst mal gestartet sind, dann machen die Pflanzen alles fast von ganz alleine, selbstständig eben. Aber eben nicht einfach irgendwie, sondern so wie es Ihnen als Gärtner oder Gärtnerin gefällt.“
Der eigentlich Grund, warum ich das Buch unbedingt schreiben wollte: Wie sich Pflanzen mit Hilfe von Tieren verbreiten. Diese Kooperationen in der Natur finde ich so spannend, weil es oft gar nicht gewusst oder beachtet wird. Der Gärtner denkt immer, er wäre Gott. Aber das stimmt natürlich nicht.
Hier kommt auch ein Stück aus diesem Kapitel: An Fell, Federn, Füßen und im Vorratslager: die Rolle der Tierwelt bei der Pflanzenverbreitung.
"Generell ist Zoochorie, wie diese Ausbreitungsart heißt, ziemlich praktisch. Statt sich Flügel oder Schwimmkörper wachsen zu lassen, Streudosen oder Schleudern zu formen mit den Blüten oder Schleudern, reisen diese Pflanzen einfach mal mit Tieren. Zoochorie ist weitverbreitet und in den unteren Pflanzen-Etagen von eher dichten Wäldern und Wiesen und im Gebüsch und Staudendickicht eines Gartens, wo kein Wind und kein Wasser in ausreichender Menge hinkommen, auch recht praktisch. Damit bei der Reise nichts schief geht, hat sich die Natur auch hier unterschiedliche Strategien ausgedacht.
Manchmal sind Pflanze und Tier sehr aufeinander eingespielt: der Der Tannenhäher beispielsweise ernährt sich hauptsächlich von Zirbelkieferzapfen, dabei kleckert er rum, frisst nicht alles, scheidet Teile aus und vergisst vielleicht auch mal den ein oder anderen Zapfen. Was liegen bleibt kann keimen und so verbreitet sic . Die Zirbelkiefer wird durch den Tannenhäher verbreitet und verjüngt ihre Bestände; ähnlich ist es mit dem Eichelhäher und den Eicheln. Manchmal ist es mehr oder minder Zufall. Ein vorbeischlurfender Igel, eine Katze auf Freiersfüßen, ein Mäuschen, dass durchs Blumengebüsch huscht – sie alle streifen sich die Samen ans Fell und an die Pfoten und tragen die Samen so weiter in die Welt hinaus. Und natürlich gibt es noch viele feine Unterkategorien, die Ichthyochorie, wie die Ausbreitung durch Fische heißt, oder die Chiropterochorie, die Ausbreitung durch Fledertiere. Für uns mitteleuropäische Gartenmenschen wichtig sind eigentlich vor allem zwei Formen. Ornithochorie, – die Verbreitung durch Vögel, und die Myrmekochorie, die Verbreitung durch Ameisen (von griechisch mýrmēx = Ameise).
So machen es nämlich circa 30 Prozent aller heimischen Arten. Das Schöllkraut zum Beispiel, Lerchensporn oder auch die Wald-Erdbeere und ganz, ganz viele Frülingsblumen: Veilchen, Buschwindröschen, Leberblümchen, Primeln, allerdings nicht immer alle Arten. Oder das Schneeglöckchen. Sie bilden an ihren Samen ein sogenanntes Elaiosom, ein kleines Anhängsel: ein süßes, ölreiches, vitaminreiches Gebilde, im allgemeinen Sprachgebrauch Ameisenbrötchen genannt. Schnäpschen wäre noch treffender, denn die Ameisen sind ganz verrückt danach. Es enthält Stoffe, die bei den Arbeiter-Ameisen einen suchtähnlichen Sammeltrieb auslösen. S, sie schleppen Samen um Samen in den Bau, um den Nachwuchs zu füttern, und wenn sie unterwegs schon die Köstlichkeit selber aufgefuttert haben, lassen sie den Rest irgendwo liegen. Und mit etwas Glück, dem richtigen Boden und den passenden Keimbedingungen wachsen neue Schneeglöckchen, und bald ist die ganze Wiese voll damit. Das schaffen die kleinen Ameisen wirklich, sie schleppen die köstlichen Brötchen bis zu 100 Meter weit."
Im weiteren Verlauf des Buches geht es dann einmal quer durch den Garten, durch alle Standorte: schattig, sonnig, feucht, trocken, Kies, Stein und Wege, Balkonien, Wiese, Rosenbeet und Gemüsebeet. In jedem Kapitel stelle ich euch die besten Teams an selbstständigen Pflanzen vor und wie ihr sie fördern und fordern, lenken, leiten und bremsen könnt. |