Warum insektenfreundlich gärtnern viel mehr ist als Blüten pflanzen, warum Blattläuse gegen Wespenalarm helfen und warum auch diese Ausgabe euch wieder mit viel Sommer-Ferien-Lesestoff versorgt, auch wenn ich dachte die Sommerausgaben werden kürzer. Mir macht es wohl einfach zu viel Freude. Euch hoffentlich auch. |
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Blühflächen töten Schmetterlinge. Nicht direkt. Aber manchmal indirekt.
Zum Beispiel, weil dort, wo ein „Schmetterlingsparadies“ mit schönen Schmetterlingsblütenpflanzen angelegt wird, vorher eine Brennnessel-Ecke war, ein Brombeergestrüpp. Eine wilde Wiese mit Klee, Disteln und Gräsern. Und dann wird alles weggeräumt und stattdessen eine hübsche Blühfläche mit Ringelblumen, Mohn und Malven eingesät. Schöner sieht es aus. Für viele Schmetterlinge ist es trotzdem ein schlechter Tausch. Denn Schmetterlinge sind nur einen kleinen Teil ihres Lebens Schmetterlinge. Die meiste Zeit sind sie Eier, Raupen oder Puppen. Und in diesen Lebensphasen helfen ihnen bunte Blüten oft ziemlich wenig.
Als erwachsene Falter trinken Schmetterlinge Nektar, manche nehmen auch gar keine Nahrung mehr zu sich. Dabei sind sie recht unwählerisch. Aber vorher waren sie Raupen. Und Raupen haben einen ganz anderen Speiseplan. Sie fressen Blätter. Oft ganz bestimmte. Manche Arten sind sogar auf eine einzige Pflanze spezialisiert. |
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Das bekannteste Beispiel ist wohl die Brennnessel. Oder: Disteln sind nicht nur für Distelfalter wichtig, sondern auch als Nektarpflanze für viele andere Insekten. Auch Gräser ernähren zahlreiche Falterarten, genauso Klee, Ampfer, Brombeeren, Faulbaum oder Weiden. Eigentlich hat fast jede Pflanze ihre speziellen Abnehmer. Vom Moos bis zum Baum.
Fehlt genau dieses Futter, fehlt irgendwann auch der Schmetterling – und kann die schönen Blumen nicht besuchen, die jetzt dort wachsen und blühen, wo vorher die Brennnesseln waren.
Ein schönes Beispiel, wie fein diese Zusammenhänge sind zeigt der Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Er braucht nicht nur den Großen Wiesenknopf als Pflanze, er braucht auch noch einen Ameisenbau als Kinderzimmer. Die Schmetterlingsfrau legt ihre Eier ausschließlich in die Blüten des Wiesenknopfs. Dort fressen die Raupen zunächst an den Blüten. Dann lassen sie sich auf den Boden fallen und warten darauf, von Ameisen gefunden und in den Bau getragen zu werden. Nicht als Futter, sondern weil die Raupe mit Duftstoffen so wirkt, selbst eine Ameisenlarve zu sein. Dort verbringt sie den Winter, verpuppt sich und schlüpft schließlich als Schmetterling. Die Ameisen beschützen manchmal den neuen Falter sogar noch, bis die Flügel ausgehärtet sind und er losfliegen kann. |
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Klingt wie ein Märchen, ist aber Natur und ziemlich anfällig: Wird der Wiesenknopf zu früh gemäht, sind die Raupen vielleicht noch gar nicht geschlüpft. Wurden die Ameisen aus dem Garten gejagt, können die Raupen sich nicht verpuppen.
Wenn ihr Schmetterlingen helfen möchtet, denkt deshalb nicht nur an Blüten. Denkt an ihr ganzes Leben.
Lasst Brennnesseln, Disteln, Brombeeren, Klee und andere wilden Kräuter wachsen. Schneidet Stauden nicht sofort nach der Blüte zurück und nie alle. Lasst Laub liegen. Mäht Wiesen abschnittsweise und nicht komplett auf einmal. Verzichtet auf Gifte. Und freut euch über Raupen. Ja, sie fressen an unseren Pflanzen, aber anders werden sie keine Schmetterlinge.
Ärgerlich ist es, wenn sie sich über hübsche Zierpflanzen oder das Gemüsebeet hermachen. Wenn ihr Brokkoli und Blumenkohl nicht komplett den Kohlweißlingen überlassen möchtet, deckt einen Teil der Pflanzen mit Vlies oder Gemüsenetzen ab. Und lasst außerhalb der Beete ein paar Pflanzen als Opfergabe stehen. Auch Kohl, oder sät Kapuzinerkresse, die eignet sich dafür wunderbar und sieht auch noch schön aus. Dann ist für alle gesorgt: für den Schmetterlingsnachwuchs und für euer Abendessen. |
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Insektenfreundlich ist mehr als bienen- und schmetterlingsfreundlich
Insektenfreundlich bedeutet nicht automatisch bienenfreundlich. Und schmetterlingsfreundlich bedeutet nicht einfach, möglichst viele Blüten auszusäen. Andere Insekten, andere Bedürfnisse.
Auf meiner Website im Blog findet ihr einige Beiträge dazu, wie ihr verschiedenen anderen Insektenarten das Leben in eurem Garten schön macht.
Hier ist eine kleine Übersicht der Links:
Wildbienenfreundlich UND Insektenfreundlich
Käfer im Garten fördern
Ameisen als Gartenhelfer
Spinnen sind Freundinnen
Grashüpfer und Co
Hummeln helfen
Die Liste ließe sich lang fortsetzen: Viele Insekten brauchen überhaupt keine Blüten. Sie leben von Aas, Honigtau, Pilzen, Moderholz, Samen, Blättern oder anderen Insekten. Sie wohnen in Totholz, im Boden, unter Laub, zwischen Rinde, in Sand, Schlamm oder Grasbüscheln. Andere wiederum brauchen genau diese Tiere als Nahrung.
Ein Grund mehr, warum Wildnisgärtnern so toll ist. Man muss nicht jede einzelne Art kennen, das geht auch gar nicht. Man muss nicht allen und jedem einzelnen Insekt seine Lebensraumstruktur bauen und anpflanzen. Man überlässt einfach möglichst viel den natürlichen Prozessen und am Ende ist mit weniger Arbeit für viel mehr Arten gesorgt. |
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... und Ruhe vor Wespen habt ihr auch. |
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Wildnistipp der Woche: Gut Pflaumen essen mit Wespen |
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Jedes Jahr gehen die gleichen Tipps durchs Netz, wie es klappen kann, trotz Wespen in Ruhe Kuchen zu essen.
Braune Papiertüten aufhängen, damit Wespen denken, dort wohne schon ein anderes Volk. Zuckerwasser als Ablenkfutter anbieten. Oder die Wespen mit einer Sprühflasche ansprühen, damit sie glauben, es regnet.
Ganz ehrlich? Selbst wenn es funktionieren würde: in einem Wildnisgarten braucht man davon eigentlich nichts. Hier wohnen zwar oft viele Wespen, aber sie finden auch genug zu fressen. Fallobst, überreife Beeren, Honigtau von Blattläusen oder die Blattläuse selbst. Je abwechslungsreicher das Nahrungsangebot ist, desto seltener interessieren sie sich für euren Pflaumenkuchen.
Dass Wespen sich versuchen an unserem Essen zu bedienen, hat eigentlich nur den Grund, dass sie sich und ihre Brut vor dem Verhungern retten wollen. Aber das erzählen sie euch jetzt selbst.
Für mein Buch „Friede den Maulwürfen“ habe ich so einige Garten-Nervensägen interviewt, natürlich auch eine Wespe.
„Ich kann es nicht mehr hören! Auch von Naturfreunden und Insektenkennern nicht, wenn sie zur Ehrenrettung der Wespe immer anführen, die meisten Wespen seien ganz liebe Tierchen, die kleine Lehmwespen, Grabwespen, Wegwespen, Schmalbauchwespen oder Blattwespen, die zum Teil auch gar nicht typisch nach Wespe aussehen, andere typisch aussehenden Arten wie die Sächsische Langkopfwespe sind völlig friedlich und harmlos. Nur die Exemplare der Deutschen Wespe und der Gemeinen Wespe sind „böse“ die bekrabbeln den Kuchen und sirren in der Zuckerschütte – und verderben all den anderen das niedlich-nützliche Insektenimage. Also ich. Ha. Und wer rettet meine Ehre? Auch ich. Ich bin nämlich die Einzige, die mal auf den Tisch haut. Weil, das kann doch nicht sein, ihr sitzt bei Pflaumenkuchen und Grillsteak und mir verhungert die Brut und die Kollegen, die weitere Verwandtschaft der Wespen, Hornissen, Hummeln, Bienen und ganz vieler anderer Insekten. Dabei hauen wir noch nicht mal wirklich auf den Tisch. Täten wir das, würden wir Angriffe fliegen, auch wenn ein paar Stiche einen Menschen nicht töten, ein ganzer Schwarm schon. Aber wir sind ja nicht wie ihr, die mit dem Flammenwerfer unsere Nester vernichtet und uns mit elektrischen Fliegenklatschen und Zuckerwasserfallen massenweise umbringen. Obwohl wir euch gar nichts getan haben. Außer euer Essen anzuschauen und ab und zu ein paar Bissen für die hungrige Brut nach Hause zu fliegen. Und dann mit ein paar Kollegen wieder zu kommen, um noch mehr zu holen.
Wenn es euch stresst, uns im Garten oder am Haus zu haben, dann macht euch doch bitte die Mühe, im Frühjahr darauf zu achten, wo unsere neue Königin nach der Winterruhe ihr Nest bauen will. Und verjagt sie ein paarmal, dann merkt sie schon, dass sie unerwünscht ist und sucht sich einen anderen Platz, um Eier zu legen und ihre ersten Arbeiterinnen aufzuziehen, die sich dann um die nächste Brut kümmern; andere sind fürs Bauen zuständig, weitere fürs Jagen. So wie ich. Schön wäre es auch, wenn bei euch im Garten genug zu futtern wäre für uns. Mücken, Fliegen, Blattläuse. Das Eiweiß ist für die Brut, wir selber mögen lieber süße Säfte und Beeren, auch davon hätten wir gerne besonders im Hochsommer ein bisschen was im Angebot. Ein Wildnisgarten halt. Da finden wir dann genug Mücken und Blumensäfte. Und vielen anderen Tiere hilft das auch. Von deren Sterben ihr gar nichts merkt, weil die sittsam und bescheiden verhungert ins Gras fallen, statt euch auf die Nerven zu gehen. So siehts nämlich aus!“ |
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???? Bis zum nächsten Mal
… habe ich noch zwei Hinweise, nein drei.
Erstens: Nur noch dieses Wochenende gibt es die Wildnis-Zertifizierung für den bisherigen Preis von 54 Euro. Es gibt ein neues Schild (stabiler, schwerer, schöner – und leider eben auch teurer) und ab nächster Woche wird es deshalb teurer und kostet dann 69 Euro. Deshalb JETZT buchen (gerne später ausfüllen und einreichen, es gibt keine Deadline).
Alle Infos findet ihr hier in der Wildnis-Ecke meiner Website.
Und zur Buchung kommt ihr hier: zum Zertifzierungspaket.
Zweitens: Blattläuse helfen gegen Wespen-Alarm, genau. Und nicht nur das. Blattläuse sind keine „Schädlinge“, sondern ein zentraler Bestandteil im Garten. So wie das Plankton in den Weltmeeren sind sie die Grundlage beim WIldnisgärtnern. Kein Problem mehr, sondern Nahrung für viele, Ausgangspunkt für viele Zusammenhänge, vom Marienkäfer bis zu unseren Gartenvögeln. All das und noch viel mehr, und vor allem wie ihr euren Garten oder Balkon so gestaltet, dass sich vieles von selbst reguliert: mit Opferpflanzen und Lebensräumen für Blattlausfresser zum Beispiel – habe ich euch in einem kleinen EBooklet zusammengestellt.
Zum Sofort-Download gegen eine kleine Gebühr in meinem Onlineshop.
Und drittens: falls ihr wegen des Nachtfalter-Beitrags auf Instagram hier gelandet seid: Herzlich willkommen!
Für alle von euch ohne Social Media: es ging darum, dass wir alle einen kleinen oder großen Totholzhaufen oder eine andere Wildnisecke im Garten oder rund ums Haus brauchen, falls sich mal wieder ein Tierchen ins Haus verirrt hat. Das einfach aus dem Fenster werfen ist oft nicht so gut. Viel besser ist ein geschützter Platz im Schatten, an dem es selbst entscheiden kann, wann es wieder startet.
Die nächste Ausgabe dreht sich dann komplett darum.
Sigrid |
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