Kräuter sind auch Blumen
Es gibt Menschen, die geben ein kleines Vermögen für besondere Dahlien, seltene Pfingstrosen oder die neueste spektakuläre Züchtung aus. Ich kaufe kaum Pflanzen.
Erstens: Aus ökologischer Überzeugung, denn viele dieser Schönheiten sind für meine Tiercommunity ungefähr so interessant wie Plastikblumen. Oft gibt es kaum Pollen oder Nektar, kein Raupenfutter, keine Früchte. Dafür anhaftende Pestizide en masse.
Zweitens: Viele sind echte Zuchtzimperliesen, haben sehr spezielle Ansprüche an Boden, Wasser, Überwinterung und Pflege.
Aber: Wer (nach dem Einwachsen) nicht alleine klarkommt, wiederkommt, sich versamt oder neue Plätze sucht - sich außerdem nicht zumindest teilweise von meinen Gartentieren verspeisen lässt, ohne sie zu vergiften – ist nicht für meinen Garten gemacht.
Aber. Auch ich shoppe manchmal gerne. Und bei Kräutern werde ich schwach. Das ist mein gärtnerisches Guilty Pleasure – sagt man glaube ich heute so.
Denn selbst wenn manche besonderen Kräuter hier nicht ewig durchhalten oder im Winter beleidigt verschwinden: Für mich ist das ein guter Kompromiss. Dann ist im nächsten Jahr Platz für neue Experimente. Oder: wenn die Tiere eine extravagante Pflanze nicht lieben, dann eben ich. Bei den meisten ist das aber nicht der Fall: Viele Kräuter sind nicht nur lecker und gesund, sondern sind robust, nützlich, duften herrlich und viele von ihnen werden von Hummeln, Wildbienen und Schmetterlingen geliebt.
Und sie sind extrem selbstständig. Kräuter müssen nicht brav im Kräuterbeet leben und man braucht auch nicht nur so viel wie man essen und ernten kann. Rosmarin neben Ringelblumen, irgendwo Zitronenthymian, dazwischen Bohnenkraut, Minzen, Oregano, Salbei, Schnittlauch, Melisse und irgendetwas, das ich vergessen habe zu beschriften. Vieles darf bleiben, wandern, sich aussäen, Lücken finden und selber entscheiden, wo es wachsen möchte. Das klappt ziemlich gut. Via Samen oder unterirdische Ausläufer ziehen sie los. Wer das mit Wurzelsperren, Kübeln oder gemauerten Beeten verhindern möchte, muss später oft genau diesen natürlichen Standortwechsel künstlich nachbauen – inklusive Bodenaustausch und mehr Arbeit. Ich lasse sie lieber machen.
Außerdem: Kräuter sind oft heimliche Klimahelden. Viele mediterrane Arten wie Rosmarin, Salbei oder Thymian sind nicht nur Trockenheit gewohnt, sondern auch mal Schnee und Frost. Andere säen sich freundlich selbst wieder aus. Eine besondere Liebe habe ich zu Minzen, Erdbeerminze, Apfelminze, Ananasminze, Schokominze, korsische Minze, Mojito-Minze. Manche riechen nach Kaugummi, andere nach Zitrone oder Lavendel, manche tatsächlich ein bisschen nach After Eight.
Und falsch machen kann man mit ihnen fast nichts. Außer, dass es zu viele werden. Aber dann kann man sie ernten, jäten oder in die Blumenvase stellen. |